8Mai

Zum 8. Mai - Tag der Befreiung

Erste Begegnung an der Oder

Die Friedrich-Wolf-Gesellschaft hatte für den 6. Mai im Programm zum 75. Jahrestag der Befreiung den Film „Mama, ich lebe“ von Konrad Wolf als Veranstaltung in der Reihe nd-Filmklub im Kino Toni angekündigt. Gesprächspartner sollte Drehbuchautor Wolfgang Kohlhaase sein. Der Film vom schwierigen Weg der Erkenntnis junger deutscher Soldaten, die sich entscheiden, an der Seite der Roten Armee zu kämpfen, kann aufgrund der Corona-Bestimmungen nicht gezeigt werden.


Szenenfoto aus "Mama. ich lebe!" ©DEFA-Stiftung, Michael Göthe

Im Vorwort zu den Kriegstagebüchern Konrad Wolfs erinnert Wolfgang Kohlhaase an den Weg seines Freundes: "Die 47. Armee war vom Kaukasus durch die Ukraine und durch Polen bis an die Weichsel gelangt. Wenn Wolf in einem hinfälligen Lautsprecherwagen in die Stellung fuhr, wenn er anfing, über die Frontlinie hinweg zu reden, begannen die Deutschen noch immer zu schießen. Zunehmende Zweifel behandelten die Standgerichte. Das Tagebuch bricht ab, beinahe wie es begonnen hat, während eines Luftangriffs, als die Armee die Oder überquerte, vor sich Berlin“.

Jetzt wäre die Zeit, die Tagebücher zu lesen, die Filme zu schauen und miteinander zu reden. Wir hoffen demnächst auf die Möglichkeit, im Kino Toni und im großzügigen Garten der Friedrich-Wolf-Gedenkstätte mit dem gebotenen Abstand mit Filmen, Lesungen und Gesprächen das Gedenken an die Befreiung mit der Verantwortung des Brückenbaus zwischen den Völkern verbinden zu können.

 

Zweite Begegnung an der Oder

Friedrich Wolfs Sohn Konrad kämpfte von 1943-45 in der 1. Belorussischen Front. Im Januar 1945 erreichten deren Einheiten erstmals heutiges deutsches Gebiet. Daran erinnert am Oderradweg km 39.5 bei Kienitz eine 5 m hohe stählerne Stele mit einem Zitat Konrad Wolfs:

 „Die Offensive verleiht uns ein grenzenloses Maß an Energie,
 um noch schneller dem faschistischen Unrat ein Ende zu setzen.“

Konrad Wolf, Leutnant der Roten Armee,
aus einem Brief an seine Familie in Moskau, 1945.

Auf der Rückseite der Stele ist eingraviert:

 "Am Morgen des 31. Januar erreichte hier die
Rote Armee das westliche Ufer der Oder."

Unübersehbar sind Kratzspuren vom Versuch, diese Erinnerung auszulöschen. Konrad Wolf beschrieb seine Erlebnisse bei der Befreiung Berlins in seinem Film "Ich war 19". Die Akademie der Künste, deren Präsident  Konrad Wolf von 1965 bis 1982 war, zeigte diesen Film zum 70. Jahrestag der Befreiung 100 Mal in Folge in ihrem Haus am Pariser  Platz in Berlin.


zerkratzte Stele am Oderradweg


Stele am Oderradweg

 

Eine Begegnung im Stadtpark

Am 22. April 1945 erreichte die Einheit Konrad Wolfs die Stadt Bernau, 20 Kilometer vor den Toren Berlins. Seine vorübergehende Einsetzung als vorläufiger 1. Stadtkommandant ist in seinem autobiografischen Film "Ich war neunzehn“ als erste Konfrontation des jungen Deutschen in Uniform der Roten Armee mit der Bevölkerung seines Heimatlandes eindrücklich geschildert.


Denkaml im Stadtpark in Bernau

Am 22. April 2020 erinnerten Bernauer, Vertreter des Freidenkerverbandes, der Friedensbewegung, des Freundeskreises Konrad Wolf und der Friedrich-Wolf-Gesellschaft an diesen symbolischen Moment, der in einer schönen künstlerischen Umsetzung im Stadtpark festgehalten ist. Eine Informationstafel für Besucher des Parks wurde 2018 eingeweiht und ist wegen Beschädigungen durch Vandalismus wieder entfernt worden. Es wäre nach Meinung der Teilnehmer ein fatales Signal, wenn die Stadt nicht Haltung zeigen und diese Tafel wieder installieren würde.


Infotafel in Bernau

„Der Krieg ist aus, mir ist´s in dem Gedränge / Als ob mein Herz zerspringen soll.“

Letzte Zeilen eines Gedichtes Friedrich Wolfs, in denen er nach Jahren Kämpfens in der Roten Armee in Moskau Sieg und Triumph mit Verlust und Wehmut verbindet.


Konrad Wolf

Sein Sohn, Konrad Wolf, 19-jähriger Leutnant der Roten Armee, erinnert sich an den 8. und 9. Mai kurz nach der Befreiung des Zuchthauses Brandenburg: „Am Tag des Sieges gab es eine große Feier in Premnitz. Ihr Ende erinnert an den Anfang von Tschapajew:  Wir schmissen unsere Waffen in einen Tümpel und mussten sie am nächsten Morgen wieder rausholen und vorzeigen. Das geschah aus Übermut, aber auch, weil wir meinten, jetzt keine Waffe mehr brauchen zu müssen.“

Sein Sohn Markus Wolf, am 8. und 9. Mai 1945 wie sein Vater in Moskau, wird nach Siegen und Niederlagen einer Idee in einem Interview 2006 sagen: „Es liegt in der Natur der Hoffnungen, dass sie enttäuscht werden. Und doch bleiben sie das Beste, Stärkste, was wir haben.“